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Safer Sex 3.0 – PrEP

„Tina, watt kosten die Kondome?“ – Lange Zeit hieß Safer Sex auch bei HIV: „Mach`s mit!“ Seit 2008 weiß man von Alternativen: Safer Sex 3.0 heißt nun der Weg!

„Kondome schützen!“ – nicht nur vor ungewollten Schwangerschaften, sondern auch vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Richtige Anwendung vorausgesetzt, ist das Restrisiko von Schwangerschaften und Infektionen minimal. Dieses Wissen ist mittlerweile weitverbreitet.

Weniger bekannt ist, dass man vor einer HIV-Infektion auch geschützt ist, wenn HIV-positive Menschen erfolgreich mit antiretroviralen Medikamenten* therapiert und somit nicht mehr infektiös sind. „Erfolgreich therapiert“ bedeutet konkret, dass das HI-Virus über sechs Monate nicht mehr nachgewiesen werden konnte und keine anderen sexuell übertragbaren Infektionen bestehen. Dieser „Schutz durch Therapie“ schützt also HIV-negative Menschen zuverlässig in Risikosituationen mit HIV-positiven Personen vor einer HIV-Infektion. Dass das so ist, ist seit 2008 bekannt – nach einer jüngsten Erhebung der Deutschen Aidshilfe e.V. allerdings nur bei 18% der deutschen Bevölkerung.

  

  

Ähnlich unbekannt ist, dass es mit der sogenannten HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe – kurz HIV-PrEP oder auch nur PrEP – quasi eine Safer-Sex-Pille im Schutz vor einer HIV-Infektion gibt, die seit 2017 auch in Deutschland zugelassen ist. PrEP ist ein Medikament, das ähnlich zuverlässig wie Kondome vor einer HIV-Infektion schützt, aber wie „Schutz durch Therapie“ nicht vor ungewollter Schwangerschaft und anderen sexuell übertragbaren Infektionen bewahrt. Es ist mittlerweile nachgewiesen, dass PrEP bei entsprechender Verbreitung die HIV-Neuinfektionen bei den HIV-Hauptbetroffenengruppen um über 60% senken kann.

PrEP-Medikamente bestehen aus zwei Komponenten, die mit einer dritten Komponente auch in der HIV-Therapie eingesetzt werden können. Die Anwendung von PrEP eignet sich für Personen, die einem hohen HIV-Infektionsrisiko ausgesetzt sind und Kondome nicht zuverlässig anwenden können oder wollen. Wie bei jeder Medikation ist auch bei PrEP die ärztliche Begleitung sinnvoll. PrEP ist deshalb auch seit seiner Zulassung in Deutschland rezeptpflichtig. Beratung und einschlägige Untersuchungen sind vorgeschrieben. Verordnen kann das Medikament jeder Arzt. Und die Rezepte können auch in jeder Apotheke eingereicht werden. Bis zum 30.08.2019 war PrEP in Deutschland keine Leistung der gesetzlichen Krankenkassen. Bis dahin wurden auch ausschließlich Privatrezepte ausgestellt. Seit dem 01.09.2019 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen nun aber die Kosten der PrEP-Medikamente und -Untersuchungen bei ihren Mitgliedern, mit einem erhöhten – „substantiellen“ – HIV-Infektionsrisiko.

Trotz Bedenken der Deutschen Aidshilfe e.V. und von PrEP-Aktivisten/-Aktivistinnen haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die gesetzlichen Krankenkassen aber darauf bestanden, dass PrEP auf Kassenrezept nur von in der HIV-Behandlung oder speziell zur PrEP geschulten Ärztinnen/Ärzten verordnet werden darf. Das Recht auf freie Arztwahl, eine wohnortnahe ärztliche Versorgung und bspw. auch ein wirklich stigmatisierungsfreier Zugang zur Arztpraxis, sind beim Thema PrEP auf Kassenrezept also derzeit noch nicht optimal gewährleistet. Dass diese „Kanalisierung“ aus medizinischer Sicht nicht notwendig ist, zeigt sich schon dadurch, dass PrEP auf Privatrezept auch weiterhin über nicht einschlägig spezialisierte/geschulte Arztpraxen zu bekommen ist. Eine Chance, auf eine echte Niederschwelligkeit der PrEP-Verordnung und damit auf noch größeren Präventionserfolg durch PrEP, wird sich allerdings frühestens 2021 ergeben, wenn die derzeitige Verordnungspraxis evaluiert wurde.

  

  

Kassenärztinnen und Kassenärzte dürfen übrigens die Behandlung gesetzlich Versicherter nur in begründeten Fällen ablehnen. Das gilt auch für die Verordnung von PrEP auf Kassenrezept durch die entsprechend in der HIV- und PrEP-Behandlung geschulten Kassenärzte und -ärztinnen. Ist man einem erhöhten HIV-Infektionsrisiko ausgesetzt, hat man also einen gesetzlichen Anspruch auf ein PrEP-Kassenrezept. Gründe für eine Verweigerung der PrEP-Vorordnung könnten dann zum Beispiel sein, dass die Praxis aus Kapazitätsgründen gar keine Patienten/Patientinnen mehr aufnehmen kann oder dass das nötige Vertrauensverhältnis nicht mehr besteht, weil ärztliche Anordnungen missachtet wurden oder der Arzt/die Ärztin vom Patienten/der Patientin beleidigt und/oder bedroht wurde.

Im Falle einer unbegründeten Verweigerung eines PrEP-Kassenrezeptes, empfiehlt die Deutsche Aidshilfe e.V. (www.aidshilfe.de/corona-prep) sich an die Krankenkasse, die zuständige Ärztekammer, die zuständige kassenärztliche Vereinigung oder auch an die UPD – Unabhängige Patientenberatung Deutschland (www.patientenberatung.de) zu wenden. Falls hinter der Verweigerung eine Diskriminierung vermutet wird, ist es sinnvoll, sich auch an die Antidiskriminierungsstellen des Bundes (www.antidiskriminierungsstelle.de), der Länder oder der Kommunen zu wenden. Natürlich stehen auch die Deutsche Aidshilfe e.V. und die lokalen AIDS-Hilfen mit Rat und Tat zur Hilfe bereit.

Falls ein/e zur Verordnung befähigte/r Ärztin/Arzt begründet die PrEP-Verordnung nicht aufnehmen oder fortführen kann, hat er die Patientin/den Patienten übrigens darüber zu informieren, wie er/sie die PrEP anderweitig bekommen kann; bis zu dem Hinweis an gesetzlich Krankenversicherte, dass diesen ihre Krankenkasse die PrEP-Nutzung ermöglichen muss – sei es durch die Vermittlung in eine andere entsprechend qualifizierte Praxis oder gar durch die Übernahme der Kosten eines PrEP-Privatrezeptes.

Bisher Geschildertes galt und gilt übrigens auch uneingeschränkt in der derzeitigen Pandemiesituation. Hierzu die Deutsche Aidshilfe e.V.: „Es gibt keine Verordnungen oder Gesetze, die Sex während der Coronavirus-Pandemie verbieten. […] Sex findet auch in Zeiten der Coronavirus-Pandemie statt, auch wenn sich viele Menschen sexuell einschränken. Dein Anspruch auf bestmöglichen Schutz besteht uneingeschränkt fort. […] Der Verweis auf Verordnungen zu Kontakteinschränkungen ist kein sachgerechter Grund für die Ablehnung der kassenärztlichen Leistung PrEP.“ Letzteres gilt übrigens auch für allfällig aufgekommene „moralische Bedenken“ hinsichtlich der PrEP-Verordnung oder für Ängste, sich mit Corona bei der Behandlung von PrEP-Nutzenden anzustecken!

Bei Fragen stehen gern zur Verfügung:

  • Franz Kibler M.A., Sozial- und Verhaltenswissenschaftler (Univ.), Geschäftsführer, AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., Johannesstr. 19, 70176 Stuttgart, E-Mail: franz.kibler@aidshilfe-stuttgart.de, Tel.: 0711/22 46 9-27.

(Stand Juli 2020)