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Aktuelles zur HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP)

Mit der HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) kann man sich medikamentös vor einer Infektion mit HIV schützen. Wie sieht es hierzu in Stuttgart aus?

Mittlerweile hat sich die Nachricht, dass man sich vor einer HIV-Infektion zwar ganz klassisch weiterhin aussichtsreich durch die Verwendung von Kondomen schützen kann, es aber auch Medikamente zum Schutz vor einer HIV-Infektion gibt, schon recht weit verbreitet. Bei dieser sogenannten HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe – kurz auch PrEP genannt – handelt es sich um zwei von drei Wirkstoffkomponenten, wie sie auch in der antiretroviralen Therapie von HIV-Patienten eingesetzt werden. Seit man – im Grunde seit 2008, als die „Eidgenössische Kommission für AIDS-Fragen“ ein entsprechendes Papier veröffentlichte – weiß, dass man Menschen mit einer HIV-Infektion mithilfe der auf dem Markt befindlichen antiretroviralen Medikamente so gut therapieren kann, dass sie nicht mehr infektiös sind, also HIV nicht mehr übertragen können, war der Gedanke auch naheliegend, dass es durch Medikation möglich sein müsste, Menschen vor einer HIV-Übertragung zu schützen.

  

  

In anderen Ländern wurde die PrEP schon mit guten Ergebnissen viel früher zugelassen als in Deutschland. In London konnte zum Beispiel die Zahl der HIV-Neudiagnosen binnen eines Jahres nach Zulassung der PrEP um über 60% gesenkt werden. Wie auch das Kondom, bietet die PrEP aber keinen 100%igen Schutz; die Schutzwirkung beider Safer Sex-Methoden gilt allerdings in Bezug auf HIV als gleich gut. Der Präventionsnachteil der PrEP ist allerdings, dass die PrEP nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STIs = Sexually Transmitted Infections) schützt. Und natürlich wirkt die PrEP auch nicht empfängnisverhütend.

In Deutschland bekam die PrEP dann Ende 2017 die Zulassung. Im Grunde hatten die PrEP-Nutzer durch den Bezug der Medikamente über den Online-Handel aus dem Ausland den Boden dafür bereitet. Die PrEP war zunächst in Deutschland nur auf Privatrezept zu bekommen und auch die privaten Krankenversicherungen haben die Kosten nicht übernommen; entsprechend waren sowohl die Kosten für das Medikament als auch die Arzt- und Laborkosten selbst zu tragen. Kalkuliert war im Schnitt pro PrEP-Nutzenden – umgangssprachlich „PrEPster“ – von einem Betrag von rund 800 EUR/Monat auszugehen. Zu diesen Konditionen, war die PrEP natürlich nur für die wenigsten Menschen erreichbar. Der Bezug der PrEP aus dem Ausland florierte entsprechend weiter, da dort die PrEP kostengünstiger und ohne Arzt- und Laborkosten zu bekommen war. Der Nachteil der PrEP-Nutzung ohne medizinische Begleitung ist offenkundig. Schon dass die Einnahme der PrEP bei einer unbemerkt vorhandenen HIV-Infektion Resistenzen gegen gängige HIV-Medikamente auslösen kann, ist ein großes Risiko für die Gesundheit.

Durch eine Vereinbarung eines Apothekers mit einem der Hersteller der PrEP-Medikamente, gelang es dann, den Patentschutz zu unterlaufen, indem die Tabletten umverpackt – „verblistert“ – wurden. Nun waren wenigstens die Medikamentenkosten auf ca. 50 EUR/Monat reduziert und die PrEP konnte ja auch legal verordnet werden. Je nach Kreativität fanden die Ärztinnen und Ärzte dann mehr oder weniger Gründe, um Kosten für Beratung, Untersuchungen und Labor dann doch über die Krankenkassen vergüten zu lassen. In Stuttgart und in anderen Städten konnte man sich darauf verständigen, dass zumindest für die Hauptzielgruppe der PrEP – also Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) und die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind – teilweise Laboruntersuchungen kostenlos von den Gesundheitsämtern übernommen und die Beratungen kostenlos von der lokalen AIDS-Hilfe durchgeführt werden. Dadurch wurden die von den verordnenden Ärzten den Patienten in Rechnung zu stellenden Kosten deutlich reduziert. In einem gemeinsam vom Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Suttgart, den kooperierenden HIV-Schwerpunktpraxen und der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. konzipierten Flyer, wurde dieses Modell dann kommuniziert. Damit die/der verordnende Ärztin/Arzt die bereits erfolgten Beratungen und Laboruntersuchungen auch prüfen konnte, wurden diese in einem sogenannten „PrEP-Checkheft“ vom Stuttgarter Gesundheitsamt und von der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. dokumentiert. Die „PrEP-Checkhefte“ haben sich auch allgemein für die „PrEPster“ bewährt, so dass sie auch unabhängig von der geschilderten Arbeitsteilung weiterhin genutzt werden.

  

  

Am 01.09.2019 erfolgte dann die kassenärztliche Zulassung der PrEP-Verordnung. Eine Indikation musste aber natürlich vorliegen: Voraussetzung ist im Grunde einfach, dass die Person einem erhöhten HIV-Infektionsrisiko ausgesetzt ist. Soweit ist alles verständlich und auch in Ordnung. Leider – so muss man im Interesse der Vermeidung von HIV-Neuinfektionen sagen – hat der Gesetzgeber aber bestimmt, dass die PrEP auf Kassenrezept nur von anerkannten HIV-Behandlern und -Behandlerinnen bzw. von Ärztinnen und Ärzten verschrieben werden darf, die definiert durch Fortbildungen und Hospitationen entsprechende Erfahrungen in der HIV-Therapie nachweisen können. Fachlich notwendig ist diese Auflage offenbar nicht, denn ein Privatrezept für die PrEP darf nach wie vor jeder Arzt/jede Ärztin ausstellen. Es sei angemerkt, dass mittlerweile auch viele Private Krankenversicherungen sich bzgl. der PrEP-Verordnung den Leistungskatalogen der Gesetzlichen Krankenversicherungen angeschlossen haben und die Kosten tragen. Grundsätzlich also eine erfreuliche Entwicklung – die aber noch Verbesserungspotential in sich birgt.

Als Nadelöhr für die PrEP-Verordnung hat sich anhaltend die Bindung der kassenärztlichen Verordnung der PrEP an HIV-Behandler und –Behandlerinnen bzw. an andere entsprechend fortgebildete Ärztinnen und Ärzte herausgestellt. Für nicht ohnehin auf die Behandlung von Menschen mit HIV spezialisierte Ärzte/Ärztinnen ist es relativ unattraktiv, für einzelne PrEP-Interessierte den geforderten Fortbildungs- und Hospitationsaufwand für die kassenärztliche Verordnung der PrEP aufzuwenden. Entsprechend werden die meisten PrEP-Rezepte zur Abrechnung bei den gesetzlichen Krankenversicherungen über die vergleichsweise wenigen HIV-Schwerpunktpraxen ausgestellt.

Das Interesse an der PrEP-Verordnung ist bei der Ärzteschaft im Allgemeinen und bei den HIV-Behandlerinnen und -Behandlern nicht eindeutig. Grundsätzlich ist es natürlich nämlich eine Frage der Bewertung, wie man sich als Medizinerin/Mediziner zu einer Verordnung eines Medikamentes stellt, das unverkennbar auch einen Lifestyle-Charakter hat. Medizinisch ist die Verordnung nicht notwendig und ein Zusammenhang zwischen der PrEP-Nutzung und einem höheren Infektionsrisiko mit anderen STIs ist nicht von der Hand zu weisen, da auf die Nutzung von Kondomen dann wohl eher verzichtet wird und durchaus auch ein promiskuitiveres Sexualverhalten – also mehr verschiedene Sexualpartnerinnen/-partner – zu erwarten ist. Anderseits sind „PrEPster“ mit einer überdurchschnittlichen Regelmäßigkeit in ärztlicher Kontrolle, da dafür mindestens quartalsweise notwendige Kontrollen für die „PrEPster“ auf HIV und anders STIs vorgesehen sind. Man kann auch schlussfolgern, dass durch diese Engmaschigkeit der Arztbesuche Infektionen viel früher entdeckt und entsprechend Infektionsketten viel früher unterbrochen werden. Im Idealfall könnte sich die intensive ärztliche Begleitung der „PrEPster“ also auch vorteilhaft bzgl. des Infektionsgeschehens bei anderen STIs auswirken. Die Effekte Kondomverzicht/zunehmende Promiskuität bei „PrEPstern“ einerseits und die frühere Unterbrechung allfälliger Infektionsketten heben sich aber natürlich auch ein Stück gegenseitig auf. Unabhängig vom bisher Geschilderten, muss man sich aber auch immer vor Augen halten, dass nur eine HIV-Infektion nicht heilbar ist, alle anderen STIs aber heutzutage schon. Natürlich ist die Resistenzbildung bei zunehmender Antibiotika-Verwendung in einer Population ein bedenkenswertes Thema. Gegen diese Bedenken gilt es aber die psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen einer lebenslangen HIV-Therapie abzuwägen. Entsprechend kann die PrEP nur eine Ergänzung in der STI-Prävention sein und nicht etwa den Kondomgebrauch gänzlich ersetzen.

Ethisch zu bewerten ist auch, dass die Wirkstoffkomponenten der HIV-PrEP natürlich auch bei der Herstellung weiterer Medikamente für die Therapie bereits HIV-positiver Menschen Verwendung finden könnten. Auch wenn in Deutschland und in anderen entwickelten Industriestaaten die medizinische Versorgung von Menschen mit HIV/AIDS im Grundsatz zwar komplett gewährleistet ist, stellt sich global die Versorgungslage nach wie vor nicht annähernd so komfortabel dar. Andererseits scheitert die komplette Versorgung aller HIV-positiven Menschen mit antiretroviralen Medikamenten wohl eher an der dafür nicht zur Verfügung gestellten Kaufkraft als an den durch die „PrEPster“ belegten Produktionskapazitäten. Mal abgesehen davon, dass die Kapazitäten der Medikamentenproduktion auch durch die durch die „PrEPster“ belegten, nicht zwangsläufig der Versorgung HIV-Infizierter zugutekommen würden, wenn die PrEP unterbleiben würde, bleibt die PrEP-Verordnung doch eine ethische Frage, die zurecht jeder Arzt und jede Ärztin für sich beantworten darf.

  

  

Da die Zahl der HIV-Schwerpunktpraxen in Deutschland immer schon verhältnismäßig gering ist, wird durch die faktische „Kanalisierung“ der Verordnung auf Kassenrezept auf die HIV-Schwerpunktpraxen ein wirklich niederschwelliger Zugang zur PrEP-Nutzung sehr erschwert! Meist haben diese Praxen schon durch die HIV-Behandlungen extreme Kapazitätsauslastungen. Hinzu kommt, dass viele HIV-Schwerpunktpraxen aus historischen und fachlichen Gründen auch drogengebrauchenden Menschen die Substitution anbieten. Auch an Substitutionspraxen ohne Schwerpunkt auf HIV wird der Mangel seit Jahren größer; entsprechend sind die praktizierenden substituierenden HIV-Schwerpunkpraxen auch durch diese Patientengruppe zunehmend ausgelastet.

Schließlich führt die relativ geringe Zahl von HIV-Schwerpunktpraxen in Deutschland zwangsläufig dazu, dass sowohl HIV-Patienten als auch „PrEPster“ eine extreme Einschränkung der freien Arztwahl haben. In Stuttgart gibt es bspw. mehrere hundert Arztpraxen, aber nach derzeitigen Stand nur drei HIV-Schwerpunktpraxen, die im Wesentlichen auch noch den kompletten „Speckgürtel“ um die Landeshauptstadt abdecken, weil es eben dort fast keine HIV-Behandlerinnen und -Behandler gibt. Zwangsläufig führt diese Angebotsstruktur dann auch dazu, dass die Patienten und Patientinnen dieser HIV-Schwerpunkt/-Substitutionspraxen großteils keine wohnortnahe ärztliche Versorgung haben. Hinzu kommt, dass durch die Spezialsierung auf HIV und ggf. noch auf Substitution auch kein eindeutig stigmatisierungsfreier Zugang zu diesen Praxen gewährleistet ist. In den Wartezimmern dieser Praxen ergeben sich für viele Patientinnen und Patienten Situationen, wo sie selber erkannt werden oder Bekannte treffen, und aus den Begegnungen dann – korrekt oder irrtümlich – Schlüsse gezogen werden: Drogengebrauchend? HIV-positiv? „PrEPster? Schwul?

Bzgl. der HIV-Therapie mag die „Kanalisierung“ der Patientinnen und Patienten auf wenige HIV-Schwerpunktpraxen aus fachlicher Sicht sinnvoll sein. Aus historischer Sicht ist die Ausbildung einer solchen Struktur auch absolut verständlich: HIV kam relativ plötzlich auf, es war eine bis dahin unbekannte Infektionskrankheit, gegen die nicht sofort Therapien vorlagen. Es gab also einen großen Fortbildungsbedarf für eine relativ gesehen doch kleine Zahl von Patientinnen und Patienten, die sich darüber hinaus in Deutschland überwiegend aus stigmatisierten Gruppen – an erster Stelle Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), aber auch Drogengebrauchenden und Prostituierten – rekrutierten. Beides zusammen – der hohe Fortbildungsbedarf für die Ärztinnen und Ärzte in der HIV-Behandlung sowie die stigmatisierten Patientengruppen – erklären leicht die Entwicklung von HIV-Schwerpunktpraxen.

Dass bzgl. der PrEP die „Kanalisierung“ der Verordnung auf Kassenrezept auf die genannten HIV-Behandlerinnen und -Behandler aber fachlich nicht notwendig ist, zeigt die Tatsache, dass die PrEP auf Privatrezept nach wie vor von jedem Arzt/jeder Ärztin verordnet werden darf. Hätte man auf diese „Kanalisierung“ der „PrEPster“ verzichtet, wäre die Nachfrage nach der PrEP sicher niederschwelliger, weil damit die genannten Gründe der freieren Arztwahl, der wohnortnahen ärztlichen Versorgung und des stigmatisierungsfreien Praxiszugangs zum Tragen kämen.

Inwieweit die HIV-Schwerpunktpraxen angesichts der hier geschilderten knappen Ressourcenlage die PrEP tatsächlich engagiert verordnen, lässt sich schwer beurteilen. Auch die wirtschaftliche Interessenlage von HIV-Behandlerinnen und -Behandlern ist prioritär nicht auf die Vermeidung von HIV-Neuinfektionen, sondern auf die Behandlung von HIV-Infizierten ausgelegt. Schließlich können – durchaus legitime – ethische Schlüsse, wie oben gezeigt wurde, ebenfalls die Bereitschaft zur PrEP-Verordnung beschneiden. Bekannt ist bspw. der Fall eines jungen Mannes, der (noch) nicht HIV-positiv, einen neuen Hausarzt suchte und aufgrund eines bestehenden Kontaktes zu einem HIV-Schwerpunktarzt über ein Dating-Portal für schwule und bisexuelle Männer diesen Arzt als Hausarzt wählte. Der Arzt war auch einverstanden, ihn als Patienten zu übernehmen. Wie sich im ersten Patientengespräch aber zeigte, ging der Arzt offenbar fast selbstverständlich davon aus, dass der junge Mann aufgrund seines dem Arzt gut bekannten sehr promiskuitiven Sexualverhaltens in Kombination mit einer Abneigung gegen Kondome HIV-positiv sei. Nachdem sich der HIV-Status des neuen Patienten aber als irrtümlich mit positiv angenommen verifiziert hat, hat ihn der Arzt aber nicht etwa als Patienten abgelehnt – was angesichts der Ressourcenknappheit vielleicht durchaus verständlich gewesen wäre. Obwohl es sinnvoll gewesen wäre, wurde der Patient von seinem Arzt aber nicht über die Möglichkeit der PrEP informiert. Als der junge Mann schließlich nach bald einem Jahr selber die PrEP bei seinem Arzt nachgefragt hat, ließ es dessen Terminkalender mehr als sechs Monate nicht zu, die PrEP dann auch tatsächlich zu verordnen. Der glücklicherweise anhaltend negative HIV-Status des jungen Mannes hat die Nutzung der PrEP dann doch noch zugelassen.

In Stuttgart gibt es mit der Gemeinschaftspraxis Schwabstraße 26 und der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 zwei alteingesessene HIV-Schwerpunkt- und Substitutionspraxen, die auch sofort in die PrEP-Verordnung eingestiegen sind. Seit Ende 2020 gibt es glücklicherweise mit der Praxis Dr. Philipp Clas in Stuttgart-Bad Cannstatt eine neue HIV-Schwerpunktpraxis, die ebenfalls die PrEP verordnet und damit auch Kassenrezepte ausstellt. Beratungsanfragen zeigen, dass die Verordnungskapazitäten für die PrEP so knapp sind, wie es die oben geschilderten Zusammenhänge nahelegen.

Wie geradezu verheerend sich die derzeitige Angebotsstruktur bei der PrEP-Verordnung auswirken kann, erlebte Stuttgart, als von April bis Oktober 2020 die Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 die PrEP-Verordnung ad hoc komplett ausgesetzt hat. Betroffen waren ca. 400 „PrEPster“. Die Praxis in Bad Cannstatt gab es noch nicht und die Gemeinschaftspraxis Schwabstraße 26 musste wegen der Übernahme allfällig weiter an der PrEP interessierter „PrEPster“ aus der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 die Annahme neuer PrEP-Verordnungen aussetzen.

Besprochen wurde die Aussetzung der PrEP-Verordnung von Seiten der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 vorab weder mit dem Stuttgarter Gesundheitsamt noch mit der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. Erst als sich die ersten „PrEPster“ beschwerten und auch bekannt wurde, dass sich die protestierenden „PrEPster“ auch hilfe- und ratsuchend an die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. gewandt hatten, hat sich Dr. Patrick Beck, einer der Inhaber der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 und selber als HIV-Behandler auch in der PrEP-Verordnung, telefonisch bei Franz Kibler, dem Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., gemeldet. Zweck des Telefonates war nicht etwa, sich fachlichen Rat zu holen oder die Situation zu diskutieren; es wurde lediglich der Sachverhalt kommuniziert. Begründet wurde die Aussetzung der PrEP-Verordnung durch die Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 mit moralischen Bedenken von Dr. Patrick Beck: Er könne es nicht verantworten, durch die PrEP-Verordnung in der Corona-Pandemiesituation sexuelle Kontakte zu fördern und sein Praxisteam würde diese Entscheidung mittragen. Den Einwand, dass ein Behandlungsvertrag zwischen Arzt und Patient rechtlich sicher nicht fristlos ohne stichhaltige Gründe – also quasi zur Unzeit – von Seiten des Arztes beendet werden kann, wies Dr. Patrick Beck noch in diesem Telefonat als unbegründet zurück. Franz Kibler teilte Dr. Patrick Beck dann am Ende des Telefonates mit, dass die Verantwortlichen der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. natürlich Gewissensentscheidungen respektieren, aber die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. selbstverständlich nach Rechtslage beraten und informieren werde.

Entsprechend hat sich die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. auch bei der Deutschen Aidshilfe e.V., dem Dachverband der deutschen AIDS-Hilfen informiert, die dann zügig auch eine entsprechende Klarstellung zu Corona und der PrEP-Verordnung veröffentlicht haben. Kurz zusammengefasst: Selbst ein Verbot sexueller Kontakte, das es nie gab, hätte eine Verweigerung der PrEP in einer laufenden PrEP-Verordnung nicht legitimiert, da das Recht auf Schutz auch bei verbotenen Sexualkontakten bestehen würde. Kein Arzt muss zwar PrEP verordnen; ist es allerdings zu einem Behandlungsvertrag in der PrEP-Verordnung gekommen, kann dieser Vertrag wie jeder andere Behandlungsvertrag nur aus gravierenden Gründen, wie einem gestörten Arzt-Patienten-Verhältnis, oder eben ordentlich von Seiten des Arztes aufgelöst werden. Ordentlich hätte bedeutet, den „PrEPstern“ eine angemessene Frist und alternative Lösungen der PrEP-Versorgung aufzuzeigen. Dies ist allerdings nicht geschehen. Vielmehr wurde – wie sich bald nach dem geschilderten Telefonat herausstellte – den dort in der Medikation befindlichen „PrEPstern“ von der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 fälschlicherweise mitgeteilt, dass aufgrund der Corona-bedingten Kontaktbeschränkungen, die Verordnung der PrEP untersagt und deswegen auf unbestimmte Zeit ausgesetzt sei. Von Seiten der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. wurde zunächst der Kurs gefahren, ohne Anprangerung offensiv über die korrekte Sachlage zu informieren und natürlich auch in der Beratung entsprechend nach Rechtslage zu informieren. Die Öffentlichkeitsarbeit erfolgte über das Vereinsmagazin RAINBOW, die AHS-Homepage, den E-Mail-Newsletter der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., über die sogenannten sozialen Medien und auch über eine eigene Veranstaltung zum Thema im Stuttgarter CSD-Studio 2020.

  

  

Als Claudius Desanti, einer der Macher des Social-Media-Kanals „SISSY THAT TALK“, auf die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. wegen einer Veranstaltung zum Thema „Sex (& PrEP) in Zeiten von Corona“ auf die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. zukam, weil er sich über die PrEP-Aussetzung der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 empört hatte, war die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. auch bereit mitzuwirken. Geklärt wurde im Vorgespräch, dass es ausschließlich um eine sachliche Information ohne konkrete Nennung der Vorkommnisse in der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 gehen sollte. Da Claudius Desanti unter anderem damals auch als einer der Moderatoren des Online-Formates „100% MENSCH Talk“ der Stuttgarter LSBTTIQ-Organisation „Projekt 100% MENSCH tätig war, wurde für das Setting einer der Sendetermine im Rahmen des „100% Mensch Talk“ vorgesehen. Das Format sieht Zweiergespräche zwischen einem Moderator – meist allerdings Holger Edmaier, Geschäftsführer von 100% MENSCH – und einem Gast vor, die dann live aus der Geschäftsstelle von „Projekt 100% MENSCH“ ins Internet gestreamt und dort auch zum späteren Ansehen bereitgehalten werden. Das „Projekt 100% MENSCH“ wird seit dem Doppelhaushalt 2020/2021 über die Gleichstellungsstelle der Landeshauptstadt Stuttgart von der Landeshauptstadt Stuttgart gefördert. Die städtische Förderung umfasst auch das Online-Format „100% MENSCH Talk“. Die Veranstaltung „Sex (& PrEP) in Zeiten von Corona“ wurde dann mit Claudius Desanti und einem Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. für Dienstag, 09.06.2020 im Rahmen des „100% MENSCH Talk“ terminiert und entsprechend beworben. Am Donnerstag oder Freitag vor der Veranstaltung hat dann Dr. Patrick Beck von der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 gegen die Veranstaltung bei Holger Edmaier vom „Projekt 100% MENSCH“ interveniert und dabei zum Ausdruck gebracht, dass er seinen Einfluss gegen die weitere Förderung des „Projektes 100% MENSCH“ durch die Landeshauptstadt Stuttgart in die Waagschale werfen werde, wenn die für den darauffolgenden Dienstag geplante Veranstaltung „Sex (& PrEP) in Zeiten von Corona“ vom „Projekt 100% MENSCH“ nicht abgesetzt würde. Weder Dr. Patrick Beck noch Holger Edmaier hielten es dann für nötig, sich mit der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. auszutauschen. Dr. Patrick Beck hatte offenbar – wohl von sich selber ausgehend, aber fälschlicherweise – damit gerechnet, dass die unsägliche Aussetzung der PrEP in der Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 in der Sendung thematisiert werden würde. Holger Edmaier hat dann nur noch Claudius Desanti darüber informiert, dass die Veranstaltung abzusagen sei. Dieser hat dies dann in einer fünfzeiligen E-Mail mit dem Hinweis auf die Intervention von Dr. Patrick Beck am Freitagabend gegen 22.00 Uhr an die individuelle dienstliche E-Mail-Adresse des für die Veranstaltung vorgesehenen Mitarbeiters der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. mitgeteilt. Da dieser Mitarbeiter die erwähnte E-Mail erst am Montagnachmittag lesen konnte, hatte die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. am späten Montagvormittag zufällig, über Facebook von der Absage der für den nächsten Tag geplanten Veranstaltung erfahren. Eine weitere aktive Kontaktaufnahme von „Projekt 100% MENSCH“ oder gar von Dr. Patrick Beck erfolgte nicht. Laut E-Mail von Claudius Desanti, sah man die „… Fachlichkeit nicht gewährleistet…“, wenn an der Veranstaltung nicht auch ein „…Vertreter der Ärzteschaft…“ beteiligt sei.

Die für HIV/STI zuständigen Mitarbeitenden im Stuttgarter Gesundheitsamt waren übrigens von der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. über die Aussetzung der PrEP-Verschreibung durch die Praxisgemeinschaft Schwabstraße 59 zeitnah informiert worden. Die Einschätzung der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. wurde geteilt; man sah allerdings keine eigene Zuständigkeit und auch keine Handlungsmöglichkeiten. Gleichwohl hatte die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. sowohl das Stuttgarter Gesundheitsamt als auch Dr. Ursula Matschke, die Leiterin der Gleichstellungsstelle der Landeshauptstadt Stuttgart, über die das „Projekt 100% MENSCH“ ab dem Doppelhaushalt 2020/2021 städtisch gefördert wird, per E-Mail um eine Stellungnahme zur Absage der für den 09.06.2020 geplanten Veranstaltung „Sex (& PrEP) in Zeiten von Corona“ gebeten. Diese E-Mails gingen am 08.06.2020 raus; am gleichen Tag wurde auch Holger Edmaier, als Geschäftsführer des „Projektes 100% MENSCH“ per E-Mail um Erklärung gebeten. Das Stuttgarter Gesundheitsamt hat mit Nichtwissen auf die Zuständigkeit der Gleichstellungsstelle verwiesen. Dr. Ursula Matschke hat die Zuständigkeit an ihre Mitarbeiterin Beatrice Olgun-Lichtenberg weitergeleitet, die dann tatsächlich bereits am 09.06.2020 geschrieben hat: „Lieber Herr Kibler, Frau Dr. Matschke bat mich, auf Ihre Mail zu antworten. Ich koordiniere die Projekte mit dem Projekt 100% MENSCH und somit auch das Format der Talks von Seiten der Abteilung Chancengleichheit aus. Die Talks sind darauf angelegt, niederschwellig und neutral zu informieren und aufzuklären, meist stehen persönliche Erlebnisse und Geschichten im Vordergrund. Das Thema PrEP als Talkthema war ebenso angelegt, informativ und neutral. Kurz vor der Sendung wurde dem Team von Projekt 100% Mensch bewusst, dass es sehr unterschiedliche Standpunkte und Realitäten in der aktuellen Situation – auch verbunden mit Corona-Beschränkungen – gibt, die aufgrund der Neutralität auch Gehör finden sollten. Ein Zwiegespräch auf dem roten Sofa schien deshalb kein geeignetes Format. Ich kann daher die kurzfristige Absage durch die Programmverantwortlichen (Projekt 100% MENSCH) nachvollziehen und unterstützen. Ich bedaure sehr, wenn es daraufhin so kurz vor dem Talk zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten kam. Die Aussage von Herrn Edmaier bezog sich sicher auf die o.g. Anforderungen an das Talkformat, die auch dem Gemeinderat in Bezug auf die Förderung wichtig waren. Ein direktes persönliches Gespräch hätte dies wahrscheinlich deutlicher klären können. Dies wird sicher nachgeholt werden. Gern stelle ich hierfür auch ein Zeitslot beim nächsten Treffen des AK LSBTTIQ zur Verfügung… Die kurzfristige Absage der Veranstaltung erfolgte aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas, dem man mit einem Dialog nicht gerecht wird. Deshalb soll schnellstmöglich ein neuer Termin und Rahmen gefunden werden, um zu dem Thema umfassend informieren zu können und verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen….“

Die Intervention von Dr. Patrick Beck wurde von Beatrice Olgun-Lichtenberg also verleugnet und es war offensichtlich kein Bewusstsein dafür vorhanden, dass der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. durch diese Vorgehensweise ein wirtschaftlicher und fachlicher Schaden zugefügt wurde. Und dies angesichts dessen, dass es aus fachlicher Sicht gar nicht reputierlich ist, in diesem Format „100% MENSCH Talk“ aufzutreten. Die Zusage der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. war ja nur erfolgt, weil sichergestellt werden sollte, dass das Thema „PrEP“ fachlich korrekt dargestellt wird und weil offensichtlich war, dass eine Veranstaltung zu dieser Thematik sonst ohne die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. durchgeführt worden wäre.

Holger Edmaier, der Geschäftsführer des „Projektes 100% MENSCH“, hat sich übrigens erst am 25.06.2021 in einer E-Mail an Franz Kibler, den Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., zu der Sache geäußert, nachdem ein Versuch, die Angelegenheit nach einer gemeinsamen Sitzung zwischen Tür und Angel zu erledigen, gescheitet war: „Ahoi Franz! Schade, dass Du gestern so schnell weg warst – ich hätte gerne noch kurz mit Dir gesprochen. Wie Du ja mitbekommen hast, mussten wir den von Sissy That Talk organisierten 100% MENSCH Talk zum Thema PrEP relativ kurzfristig absagen, da das Thema doch wesentlich kontroverser und emotionaler diskutiert wird, als wir vorher angenommen hatten. Allein die Ankündigung hatte schon zu erheblichen Verwerfungen geführt… Wir wollen nun schauen, ob wir es schaffen, den Talk als Diskussionsrunde mit allen beteiligten Gruppen nachzuholen. Stündest Du in diesem Falle dann als Vertreter der AH Stuttgart zur Verfügung? Ein Termin steht bisher noch nicht fest. Wenn Du vorher über den Talk und die Absage sprechen magst, können wir uns gerne auf ein Bierchen oder ein Telefonat verabreden. Beste Grüße vom Hallschlag Holger“.

Es dürfte nicht überraschen, dass von Seiten der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. tatsächlich noch Gesprächsbedarf gesehen wurde. Dieses Gespräch fand dann mit Beatrice Olgun-Lichtenberg und Holger Edmaier am 15.07.2021 in der Beratungs- und Geschäftstelle der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. statt. Letztlich war man sich dann einig, dass die Sichtweise der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. verständlich und im Grunde auch zutreffend sei. Die von Holger Edmaier genannten „Gruppen“ und „Verwerfungen“ wurden allerdings trotz mehrmaliger Nachfrage nicht benannt. Weiterer Handlungsbedarf wurde offenbar weder von der Gleichstellungsstelle noch von Seiten des Projektes 100% MENSCH gesehen. Jedenfalls werden vom Projekt 100% MENSCH weiterhin Fragen der sexuellen Gesundheit aufgegriffen, ohne dass es Veranlassung gibt eine entsprechende Expertise bei dieser Organisation zu vermuten. Und auch die Gleichstellungstelle der Landeshauptstadt Stuttgart arbeitet – insbesondere bei den Themen Prostitution und Regenbogenhaus – unverdrossen gegen die Interessen der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V.

Wie man sieht, ist die Versorgung mit PrEP in Teilen als prekär zu beschreiben. Bleibt zu hoffen, dass die eigentlich für Ende 2021 vorgesehene Evaluierung der PrEP-Versorgung in Deutschland künftig zu einer niederschwelligeren Verordnungspraxis führt. Auch im Hinblick auf die genannten Aspekte wohnortnahe ärztliche Versorgung, freie Arztwahl und stigmatisierungsfreier Zugang wäre eine breitere ärztliche Versorgung für Menschen mit HIV sowie für substituierende Drogengebrauchende sinnvoll. Dies auch eingedenk allfällig anderer negativer Effekte, die Oligopolen oftmals anhaften.


Bei Fragen steht gern zur Verfügung:

  • Franz Kibler M.A., Sozial- und Verhaltenswissenschaftler (Univ.), Geschäftsführer, AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., Johannesstr. 19, 70176 Stuttgart, E-Mail: franz.kibler@aidshilfe-stuttgart.de, Tel.: 0711/22 46 9-27.

(Stand August 2021)