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Ein regenbogenbuntes Kulturzentrum

In Stuttgart soll es ein „Regenbogenhaus“ – ein Kulturzentrum für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere (LSBTTIQ) – geben.

Eigentlich ein naheliegender Gedanke: Sexuelle Identität/Orientierung kann – muss aber nicht – ähnlich prägend und damit identitätsstiftend sein, wie eine Religion, eine Sportart… oder was auch immer. Der eifrige Katholik bekommt sein „Haus der Katholischen Kirche“, der VfB-Fan sein Vereinslokal… An diesen besonderen Orten sind alle willkommen, aber alle wissen auch, wo sie sind: hier ist geschützt, was einem wichtig ist und hier gelten Regeln, die bevorzugt der eigenen Peergroup gemäß sind.

Für LSBTTIQ-Menschen – also für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen – war lange Zeit die Szene-Gastronomie das einzige Angebot für solche „Schutzräume“. Die Lokale der „Schwulen Szene“ waren in der kulturellen Nutzung aber naturgemäß beschränkt und auch nicht nur Schutzraum, sondern „die Community“ war weitestgehend unter sich. Ab den 1970er Jahren bildete sich eine vielfältigere „schwul-lesbische“ Infrastruktur heraus: schwule Buchläden, Videotheken… und auch die ersten schwul-lesbischen Zentren entstanden.

  

  

In Stuttgart wurde 1996 das schwul-lesbische Zentrum Weissenburg gegründet, das auch heute noch besteht und sich seit zwei/drei Jahren „Weissenburg – Zentrum LSBTTIQ Stuttgart“ nennt. Auch die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. (AHS) war damals tatkräftig und finanziell an der Gründung der „Weissenburg“ beteiligt. Orte der Begegnung von Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), sind auch Orte der HIV-Prävention bei der Hauptbetroffenengruppe von HIV/AIDS und waren deswegen von Anbeginn der AIDS-Hilfe-Arbeit für alle AIDS-Hilfen wichtige Orte.

Wie verdienstvoll die Gründung der Weissenburg war, zeigt die anhaltende Akzeptanz des Zentrums. Trotz der suboptimalen Lage – etwas versteckt in einem Hinterhof, schlechte Parksituation und einige hundert Meter von den nächsten Haltestellen des ÖPNV entfernt – und der dunklen und insgesamt nicht sehr großen Räumlichkeiten, treffen sich dort Chöre und zahlreiche andere Gruppen. Auch das Café der Weissenburg erfreut sich über die Jahre anhaltender Beliebtheit.

Mit der zunehmenden Professionalisierung der CSD-/LSBTTIQ-Bewegung Anfang des neuen Jahrtausends, zeichnete sich aber mehr und mehr ab, dass das Zentrum Weissenburg den Ansprüchen an Sichtbarkeit, Erreichbarkeit, Größe und Infrastruktur nur noch unzulänglich genügt. Franz Kibler, Geschäftsführer der AHS: „Es muss so um 2010/2011 gewesen sein – jedenfalls war Joachim Stein nicht nur schon lange im Vorstand des Weissenburg e.V., sondern damals auch noch im Vorstand der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. – als wir uns in zahlreichen Gesprächen – meist ausgiebige Telefonate – über die Notwendigkeit einer Vergrößerung/Neukonzeptionierung der Weissenburg ausgetauscht haben. Joachim Steins Begeisterung hielt sich zunächst in Grenzen. Nicht weil er in der Sache anderer Meinung war, sondern weil ihm schon damals klar war, dass es ohne ihn schwierig werden würde. Gleichwohl war sein unwirsches Statement zunächst: Das könnt ihr dann aber ohne mich machen!“ – Franz Kibler weiter: „Wie es meist bei Joachim Stein ist: er drückt sich nicht vor der Verantwortung und über kurz oder lang fängt er bei guten Sachen dann auch richtig Feuer. So war es auch hier: Mittlerweile hält Joachim Stein die Fahne des Projektes Regenbogenhaus hoch und hat zahlreiche Mitstreiterinnen und Mitstreiter dahinter versammelt!“

2015 wurde dann unter Koordination des Weissenburg e.V. der „Arbeitskreis Regenbogenhaus“ ins Leben gerufen. Im „AK Regenbogenhaus“ arbeiteten Vertreter der Organisationen, die auch Mitglieder des Gesamtvorstandes des Weissenburg e.V. sind: neben dem Weissenburg e.V. selbst und natürlich auch der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., insbesondere bspw. die IG CSD Stuttgart e.V., Abseitz Stuttgart e.V., der Lederclub Stuttgart e.V. und der LSVD Baden-Württemberg e.V. Ziel des Arbeitskreises war, Bedarfe für ein Regenbogenhaus zu sammeln und daraus Anforderungen an Lage, Größe und Ausstattung einer solchen Einrichtung zu ermitteln. Es zeichnete sich damals schon ab, dass die Professionalisierung der LSBTTIQ-Bewegung mehr und mehr Hauptamtlichkeit nötig machen wird, die natürlich auch nur mit professionellen Arbeitsplätzen möglich ist. Sollten Synergien und Infrastruktur effizient genutzt werden, war es notwendig diese Arbeitsplätze bei der Planung eines „Regenbogenhauses“ mitzudenken. Für die AHS war immer klar, dass kein Umzug ihrer Beratungs- und Geschäftsstelle in das „Regenbogenhaus“ ansteht, sondern im „Regenbogenhaus“ ihre zielgruppenspezifischen Leistungen für LSBTTIQ-Menschen, insbesondere für Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), niederschwellig angeboten werden müssen: also weiterhin Präventionsveranstaltungen sowie Beratungs- und Testangebote zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen, wie bisher schon im Zentrum Weissenburg, aber künftig in Form eines „Checkpoints“ mit eigenen Räumen und regelmäßigen Öffnungszeiten. Einigkeit herrschte im „AK Regenbogenhaus“ auch darüber, dass das „Regenbogenhaus“ gut sichtbar und erreichbar sein muss. Neben Büros, gemeinsamen Konferenz- und Veranstaltungsräumen, wurden Bedarfe für Betreutes Wohnen für ältere LSBTTIQ- sowie Notübernachtungsplätze für gewaltbedrohte LSBTTIQ-Menschen und auch Gastronomie genannt. Auch organisatorische, rechtliche und finanzielle Fragen wurden bereits erörtert.

Sehr bald war im „AK Regenbogenhaus“ klargeworden, dass die Planung eines „Regenbogenhauses“ letztlich ohne fachliche Unterstützung nicht funktionieren würde. Da mittlerweile auch der AK LSBTTIQ der Landeshauptstadt Stuttgart unter Beteiligung auch der Mitglieder des „AK Regenbogenhauses“ gegründet worden war, wurde das Thema „Regenbogenhaus“ dort eingebracht. 2019 gelang es dann über diesen Weg im Rahmen des Doppelhaushaltes 2020/2021 der Landeshauptstadt Stuttgart, Mittel für eine „Projektstudie Regenbogenhaus Stuttgart“ bewilligt zu bekommen. Die Studie soll im September diesen Jahres starten und binnen eines Jahres Ergebnisse liefern.

Die prognostizierte Hauptamtlichkeit im Rahmen der Professionalisierung der LSBTTIQ-Arbeit in Stuttgart, hatte sich übrigens so schnell eingestellt, dass unter Federführung des Weissenburg e.V. bereits 2016 Räume für eine Bürogemeinschaft von Weissenburg e.V., Abseitz Stuttgart e.V., IG CSD Stuttgart e.V. und dem Landesnetzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg e.V. angemietet werden mussten. Mittlerweile sind diese Räume auch schon wieder zu klein, sodass der Weissenburg e.V. aktuell wieder auf Raumsuche für einen weiteren Standort auf dem Weg zum „Regenbogenhaus“ ist.

Aktuelle Informationen zum „Regenbogenhaus Stuttgart” finden sich unter www.regenbogenhaus-stuttgart.de.

Bei Fragen steht gern zur Verfügung:

  • Franz Kibler M.A., Sozial- und Verhaltenswissenschaftler (Univ.), Geschäftsführer, AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., Johannesstr. 19, 70176 Stuttgart, E-Mail: franz.kibler@aidshilfe-stuttgart.de, Tel.: 0711/22 46 9-27.

(Stand Juli 2020)