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„Vielfalt braucht Verstärkung" – Der Stuttgarter CSD 2020

Die Corona-Pandemie hat auch speziell die CSD-Bewegung, auch die LSBTTIQ-Bewegung insgesamt, neue Erfahrungen machen lassen.

„Vielfalt braucht Verstärkung“ – Das Motto des Stuttgarter CSD 2020 wurde gewählt, ohne dass bereits die besonderen Herausforderungen auch nur geahnt werden konnten, mit denen alle Engagierten aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie konfrontiert werden sollten.

Die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. zeigt Flagge  

  Die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. zeigt Flagge

Der Neujahrsempfang am 01.02.2020 im SPARDA-Welt-Eventcenter war die erste und auch letzte „normale“ Veranstaltung im Reigen der Stuttgarter CSD-Veranstaltungen 2020. Viele CSDs weltweit wurden komplett abgesagt; in anderen Städten wurden Alternativkonzepte unter Pandemiebedingungen entwickelt. Ohne die Entwicklungen absehen zu können, war für die IG CSD Stuttgart e.V. – die schon seit 20 Jahren erfolgreich den Stuttgarter CSD organisiert – klar, dass auch der Stuttgarter CSD 2020 stattfinden wird. Sehr schnell musste man sich auch damit abfinden, dass Großveranstaltungen gar nicht und kleinere Veranstaltungen nur mit Einschränkungen würden stattfinden können. Ein mächtiges Problem für eine Bewegung, deren herausragendes Wirkprinzip doch – bei aller Bedeutung auch der (digitalen) Medien – der Weg in den öffentlichen Raum, mit Paraden, Straßenfesten, Galas und sonstigen Aktionen und die daraus kommunizierte Aufmerksamkeit ist.

Stellvertretenden-Kundgebung  

  Stellvertretenden-Kundgebung

Schnell zeichnete sich für Stuttgart ab, dass sowohl die CSD-Gala als auch die CSD-Parade und die CSD-Hocketse – das Stuttgarter CSD-Straßenfest über zwei Tage und mit ca. 40.000 Besucherinnen und Besuchern – nicht in der üblichen Größe würden stattfinden können. Ähnliches galt für den traditionellen Rathaus-Empfang und die Kulturtage insgesamt. Alles was stattfinden sollte, musste analog mit deutlich weniger Publikum stattfinden. Hier war es dann ein großer Gewinn, dass ganz viele Veranstaltungen als Live-Streams und später als Aufzeichnungen im Internet zugänglich gemacht wurden. Sowohl der CSD-Rathausempfang als auch die CSD-Gala und die CSD-Kulturtage fanden auf diese Weise so „normal“ wie möglich statt. Für die Veranstaltungen der Kulturtage wurde im Stuttgarter Stadtkaufhaus „Das Gerber“ ein beeindruckendes CSD-Studio eingerichtet, in dem verschiedenen Organisationen Gelegenheit geboten wurde, ihre Themen im Rahmen von Veranstaltungen vor begrenztem Live-Publikum ins Internet zu senden. Ganztägig diente das Studio auch als Informationszentrum: Vertretende der IG CSD Stuttgart e.V. standen für Gespräche bereit und Infomaterialien/Giveaways zu verschiedensten Themen der Lebenswelten nicht-heterosexueller Menschen konnten kostenlos mitgenommen werden. Auch für eine Corona-konforme Getränkeversorgung war im CSD-Studio gesorgt. Für Gala und Hocketse wurden im Stuttgarter Römerkastell im Rahmen des „Kastell-Sommers“ Äquivalente angeboten – mit natürlich deutlich weniger Gästen vor Ort, aber ebenfalls mit digitaler Verbreitung. Schließlich wurde von den Engagierten der IG CSD Stuttgart e.V. als Ersatz für die CSD-Parade und für die CSD-Abschlusskundgebung auf dem Stuttgarter Marktplatz eine „Stellvertretenden-Kundgebung“ mit Redebeiträgen organisiert; für bis zu 850 Personen als Vertretende verschiedenster Gruppen, Vereine und anderer Organisationen, aus der LSBTTIQ-Community bzw. die dieser verbunden sind. Alles in allem ein Angebot, das analog „nur“ zwei- bis dreitausend Menschen, aber digital quasi alle Menschen hat erreichen können. Begleitet wurde das Programm durch das gewohnt hochwertige CSD-Programmheft und durch eine auch sonst professionelle Öffentlichkeitsarbeit über Pressemitteilungen, Newsletter und soziale Medien. Insgesamt hatte der Stuttgarter CSD 2020 eine Qualität, wie sie unter den Einschränkungen der Pandemie wohl kaum besser hätte sein können. Für diese Leistung gilt allen Verantwortlichen und Unterstützenden Respekt und Dank!

Für die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. war und ist der Stuttgarter CSD – wie alle anderen lokalen CSDs für die jeweiligen örtlichen AIDS-Hilfen – immer von herausragendem Interesse. Nicht nur, weil die Hauptzielgruppe der AIDS-Hilfe-Arbeit – Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) – dort zielgruppenspezifisch zu erreichen ist, sondern weil es – natürlich auch wegen der strukturellen HIV-Prävention – ein grundsätzliches Anliegen der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. ist, sich für eine vielfältige Gesellschaft einzusetzen und Solidarität für LSBTTIQ-Menschen zu zeigen.

Podiumsdiskussion „Safer Sex 3.0 & Sex unter Männern“ im CSD-Studio  

  Podiumsdiskussion „Safer Sex 3.0 & Sex unter Männern“ im CSD-Studio

Entsprechend waren Vorstand, Geschäftsführung und Mitarbeitende wie jedes Jahr beim CSD-Neujahrsempfang präsent. Auch als dann pandemiebedingt umdisponiert werden musste, hat die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. nach dem Grundsatz gearbeitet: „Möglichst viel Normalität und möglichst optimal durch Flexibilität!“. Die Werbemaßnahmen, die die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. traditionell – auch zur Finanzierung des CSD – bei der IG CSD Stuttgart e.V. einkauft, wurden auch in diesem Jahr, soweit sie aufgrund der Umstände angeboten werden konnten, gebucht. Als Ausgleich für weggefallenen Werbebuchungen – Anzeigen in den Programmheften von CSD-Sommerfest, CSD-Rathausempfang und CSD-Gala sowie Bannerhängung bei Parade und Hocketse –, wurde mit dem Erwerb und Versand von mehreren tausend „Vielfaltsverstärker-Buttons“ auch in diesem Jahr Einnahmen von wieder deutlich mehr als 6.000 EUR für die IG CSD Stuttgart e.V. möglich gemacht. Solidarität wurde auch durch die Regenbogen-Beflaggung der Beratungs- und Geschäftsstelle der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. vor und über die Hochphase des Stuttgarter CSD 2020 hinaus gezeigt. Das Angebot eines digitalen Infostandes auf der Homepage des CSD-Vereins hat die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. ebenfalls sehr gerne gebucht. Darüber hinaus hat die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. auch das tolle Angebot im CSD-Studio für ihre Podiumsdiskussion „Safer Sex 3.0 & Sex unter Männern“ genutzt: Franz Kibler, Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., und Hans-Peter Diez, Sozialarbeiter der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., diskutierten mit Björn Beck, Mitglied des Vorstandes der Deutschen Aidshilfe e.V. live – analog und via Live-Stream – zum leben mit HIV in Zeiten von „n=n!“ („nicht nachweisbar=nicht übertragbar!“)/„Schutz durch Therapie“ und der HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP). Selbstverständlich zeigte die AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. bei der „Stellvertretenden-Kundgebung“ auf dem Stuttgarter Marktplatz haupt- und ehrenamtlich Präsenz; Vorstandsmitglied Laura Halding-Hoppenheit bekundete der LSBTTIQ-Community auch durch einen Redebeitrag von der Bühne Solidarität und Unterstützung. Besonders schön war auch, dass am Abschlussabend des Stuttgarter CSD 2020 mit einem symbolischen Aufstieg von Luftballons beim „Kastell-Sommer“ auch wieder der Opfer von HIV/AIDS gedacht wurde. Jörg Hummer, Mitglied des Vorstandes der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., und Geschäftsführer Franz Kibler hatten Gelegenheit, ein paar Worte zu sprechen, bis dann mit der traditionellen Schweigeminute und einer Videoeinspielung von Bildern des Gedenkens der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. bei der CSD-Hocketse 2019 die Zeremonie ihren würdevollen Abschluss fand.

Luftballonaufstieg beim „Kastell-Sommer"  

  Luftballonaufstieg beim „Kastell-Sommer"

Insgesamt also viele Gründe, trotz der Einschränkungen stolz und dankbar zu sein: wieder ein hochpolitischer Stuttgarter CSD, sehr gut organisiert und bestens vermarktet. Im Rahmen der Möglichkeiten wurde auch alles getan, um möglichst vielen Menschen Mitmachgelegenheiten und persönliche Teilnahme anzubieten. Auch der Spaß- und Unterhaltungsfaktor – der selbstverständlich auch zum CSD gehört – wurde bedient. Es hat sich allerdings gezeigt, dass „Vielfalt braucht Verstärkung“ für die allermeisten wohl drängender ist, als es zu erwarten war: Wären die ganzen Angebote – sei es im CSD-Studio, beim „Kastell-Sommer“ und bei der „Stellvertretenden-Kundgebung“ auf dem Stuttgarter Markplatz – voll ausgelastet gewesen, hätten allenfalls zwei- bis dreitausend Mitglieder der LSBTTIQ-Community und deren Sympathisanten/Sympathisantinnen Gelegenheit gehabt ein- bis zweimal vor Ort mit dabei zu sein. Eigentlich ein kleiner Ersatz – wenn auch wohl das Maximum des Möglichen –, angesichts dessen, dass in „normalen Jahren“ deutlich mehr als 200.000 Menschen mobilisiert wurden. Das CSD-Studio war bei keiner der Veranstaltungen mit den maximal möglichen 49 Zuschauerinnen und Zuschauern belegt, bei der „CSD-Stellvertretenden-Kundgebung“ waren statt 850 Teilnehmende nur ca. 200 Engagierte innerhalb der Absperrung – ohne dass sich das Bild durch eine relevante Zahl von Zaungästen verbessert hatte. Und weder bei der CSD-Gala noch am CSD-Hauptwochenende beim „Kastell-Sommer“ haben sich die Leute gedrängelt. Frühere Stuttgarter CSDs, die bspw. unter dem Motto „Perspektivwechsel“ oder auch „Expedition Wir“ standen, haben nicht verkannt, dass Solidarität das zentrale Anliegen der CSD-Bewegung sein muss. Wohl niemand hat auch verkannt, dass der „Fun-Faktor“ beim CSD nicht auch eine starke mobilisierende Wirkung hat. Und selbstverständlich ist auch davon auszugehen, dass die pandemiebedingte Sorge vor Begegnungen, die eine oder den anderen davon abgehalten hat, Präsenz zu zeigen. Unterschlagen werden sollen auch nicht die Menschen, die sich über das CSD-Programmheft, die Medien und insbesondere über die Live-Streams informiert haben. Gleichwohl ist es auch vor diesem Hintergrund ernüchternd, wie sehr doch offenbar die Reichweite des CSD vom unterhaltenden Rahmen abhängt. Klar ist, dass alle Beteiligten – auch wir bei der AIDS-Hilfe Stuttgart e.V. – sich über diese Erfahrung Gedanken machen müssen; insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass ein CSD wie wir in kennen auch in Zukunft vielleicht nicht wieder wird stattfinden können. Was kommt von unseren Botschaften an? Inwieweit müssen wir uns anders aufstellen?

Bei Fragen steht gern zur Verfügung:

  • Franz Kibler, M.A. Sozial- und Verhaltenswissenschaften (Univ.), Geschäftsführer, AIDS-Hilfe Stuttgart e.V., Johannesstr. 19, 70176 Stuttgart, E-Mail: franz.kibler@aidshilfe-stuttgart.de, Tel.: 0711/22 46 9-27.

(Stand: November 2020)